Inhalt

Kategorie:  

"Zahnpflege alleine reicht nicht. Wir brauchen die richtigen Nährstoffe"

Experte: Hinweis auf Mangelernährung


Bildcopyright: Mohammed Haneefa Nizamudeen / iStockfoto-ID: 1089660770

Immer mehr Menschen leiden unter einer Parodontitis, die sich unter klassischen zahnärztlichen Behandlungen nicht mehr verbessert. Das Problem dabei: Nicht nur die Zähne bzw. Implantate können ausfallen, auch die Wahrscheinlichkeit für schwere Erkrankungen wächst.

Der Schlüssel zu ganzheitlicher Gesundheit liegt in uns und unseren Lebensgewohnheiten. Das lassen Patienten und auch Ärzte häufig außer Acht. Nicht aber Dr. med. dent. Heinz-Peter Olbertz (62). Der Zahnarzt weiß um die Bedeutung des Ökosystems Mensch. Während seiner Laufbahn als Zahnmediziner wurde ihm immer bewusster, dass Zahngesundheit mit der Gesundheit des Körpers Hand in Hand geht. Die Erkenntnisse, die er besonders im Bereich der Parodontologie über die Zusammenhänge von Nährstoffen und Entzündungen gewonnen hat, sind faszinierend. Im Interview erzählt er von seinem Weg und was es heißt, ganzheitlich zu denken und dadurch gesund zu bleiben.

Warum haben Sie sich für die Zahnmedizin entschieden?

Tatsächlich hatte ich damals die heute falsche Vorstellung, dass der Arbeitsbereich der Zahnmedizin überschaubar ist. Nur die Mundhöhle – so hatte ich mir das vorgestellt. (lacht)

Und dann wurden Sie überrascht?

Ja, ich war irgendwann an einem Punkt, an dem ich zwar Erfolge hatte, aber auch Misserfolge bei einigen Patientengruppen. Bei der Frage nach dem Warum stieg ich tiefer in die Parodontologie (1.) ein. Im Studium haben wir gelernt, dass Menschen, wenn sie sich richtig ihre Zähne putzen, auch gesunde Zähne haben. Aber ich hatte Patienten, die eine super Zahnpflege betrieben, die sich bemühten und regelmäßig zum Zahnarzt gingen und trotzdem schwere Schäden an Zähnen oder Zahnfleisch hatten. Da kam schließlich die Frage auf: Mache ich alles richtig? Bin ich noch auf dem neuesten Stand der Wissenschaft? Und so weitete sich für mich das Feld der Zahnmedizin immer weiter aus.

Was hat sich dann verändert?

Ich habe angefangen zu recherchieren. Homöopathie, Neuraltherapie (2.) – und schließlich stieß ich auf die orthomolekulare Medizin (3.). Die orthomolekulare Medizin geht davon aus, dass uns bestimmte Nährstoffe fehlen. Das Mikrobiom (4.) in uns ist in Jahrmillionen entstanden. Doch in den vergangenen 25 Jahren ernähren wir uns ganz anders als zuvor. Industrieproduktion, Konservierungsmittel, Genmanipulation, chemische Veränderungen – das ist eine Kette ohne Ende. Das hat zur Folge, dass uns heute oft wichtige Nährstoffe fehlen, die wir eigentlich bräuchten, damit unser Körper sich selbst regulieren kann. Eine Mangelerscheinung im Körper macht sich oft im Mundraum bemerkbar. Wenn Pferdehändler die Vitalität des Tieres beurteilen wollen, dann schauen sie sich nicht ohne Grund die Zähne des Tieres an. Das Gebiss ist ein gutes Merkmal für den Gesundheitszustand des ganzen Lebewesens, und das gilt auch für uns Menschen.

Sind Mangelerscheinungen also der eigentliche Grund für Parodontitis?

Heute würde ich sagen ja. Mangel an Nährstoffen kann fatale Auswirkungen auf den Körper haben. Dieses Wissen ist eine große Chance für die Zahnmedizin. Wenn man richtig hinschaut und Labordiagnostik nutzt, kann man Defizite im Mund frühzeitig erkennen. Aufgrund dieser Erkenntnis kann man verborgene Entzündungszustände des Körpers entdecken und so verhindern, dass sie im zunehmenden Alter schlimmer werden. Denn älter zu werden, heißt leider auch entzündeter zu werden. Und wenn der Zustand sich über Jahre verschlimmert, können Demenz, Schlaganfall, Infarkte, Herzerkrankungen und Diabetes die Folge sein. Da tut sich das Spektrum der chronischen Erkrankungen auf. Das Schlimme ist, die Betroffenen scheinen immer jünger zu werden. Wenn sich Menschen um ihren Nährstoffhaushalt kümmern würden, könnten sie sich einiges ersparen.

Sind Parodontalprobleme denn heutzutage vordringliche Themen in der Zahnarztpraxis?

Auf jeden Fall. Karies haben wir weitgehend im Griff, das ist heute eine „Ghetto“-Erkrankung. Ein schlimmes Wort, aber man sagt 10 Prozent der Kinder haben heute 90 Prozent der kariösen Zähne. Die Zahnpflege ist heute einfach besser. Das belegt auch, dass mangelhafte Zahnpflege nicht die alleinige Ursache für die parodontalen Erkrankungen ist, denn die Zahl der Patienten mit schwerer Parodontitis bis hin zum Zahnverlust, bei denen klassische zahnärztliche Therapien nicht anschlagen, steigt kontinuierlich. Zahnpflege allein reicht eben nicht aus. Wir brauchen Ernährungsveränderungen. Parodontale Erkrankungen sind der Hinweis auf eine Mangelernährung. Hier können biologisch angebaute Nahrung, eine insgesamt ausgewogene Ernährung und der Verzicht auf Fertigprodukte helfen. Zusätzlich ist die Aufnahme von Vitalstoffen empfehlenswert.

Was sind Ihre größten Ernährungssünden?

Ich habe die Zeit der Ernährungssünden hinter mir. Ich hatte früher Bluthochdruck und habe Betablocker genommen. Wenn ich heute Fotos sehe, dann denke ich immer: Wie aufgequollen sah ich bloß aus? Das war mir nie bewusst. Ich habe dann zum Glück einiges geändert: Bewegung, Gewichtsreduzierung, Änderung in der Ernährung und dann eben auch Nahrungsergänzungsmittel. Das halte ich konsequent ein. Ausnahmen zu Geburtstagen mache ich mal, man muss ja auch Spaß haben, man darf keinen Stress erzeugen.

Ist man nicht verzweifelt, wenn Patienten mit Parodontitis kommen und sich schlecht ernähren?

Man wird eher traurig. Ich habe nämlich eine ganze Reihe von Patienten, die ich vor zehn, fünfzehn Jahren versucht habe zu überzeugen, und jetzt ist der Schlaganfall oder die Krebserkrankung da. Da fragt man sich: Hast Du damals die falschen Worte gewählt? Ich bin ja kein Kommunikationsprofi. Vielleicht habe ich Ängste geschürt und dann haben die Betroffenen blockiert. Misserfolge treffen mich immer hart. Das ist erschreckend. Andererseits freue ich mich irrsinnig über die Erfolge. Was muss passieren, um die Mundgesundheit der Bevölkerung zu optimieren? Wir müssen ganz früh anfangen. Wir müssen Kindern schon klarmachen, dass Pommes nicht auf Bäumen wachsen. Wir müssen wieder lernen, unser Essen auch selbst zuzubereiten und nicht aufzureißen, Zeitschaltuhr an, fertig. Ich denke, da ist tatsächlich auch ein Bedürfnis, sonst gäbe es ja nicht so viele Kochsendungen.

Warum gibt es denn noch so wenige Ärzte, die das Problem ganzheitlich sehen?

Wir haben in der Parodontologie den Fehler gemacht, uns nur in der parodontalen Tasche aufzuhalten und die systemische Komponente außer Acht zu lassen. Jetzt denken wir langsam um. Es ist schwer, festgefahrenes Wissen zu durchdringen und die Kollegen zu überzeugen, die davon noch nie gehört haben. Die verwechseln ganzheitliches mit esoterischem Denken. Glücklicherweise arbeitet die Grundlagenforschung in der Medizin uns zu und alte Vorurteile werden langsam aufgeweicht.

Wie reagieren denn Ihre Patienten darauf, wenn sie mit Zahnproblemen kommen und Sie ihnen etwas von Ernährung erzählen?

Ganz unterschiedlich. Wir haben Patienten, die wollen, dass ich als Arzt alles für sie regele. Aber ich kann natürlich nur informieren und motivieren. Der Patient selbst hat die Verantwortung für seinen Körper. Das stellen sich viele anders vor. Der andere Teil ist unglaublich dankbar. Die Beratung ist allerdings sehr zeitaufwendig. Da kommen wir zum Thema Gesundheitssystem. Unser Gesundheitssystem funktioniert leider nach dem Gleichheitsprinzip. So bekommt jeder die gleiche Therapie. Wir müssen verstehen, dass die Parodontitis individuell behandelt werden muss. Und das kostet Zeit, was viele Kollegen davon abhält, in die Tiefe zu gehen. Sehr schade. Denn die schön stehenden Zähne nutzen keinem etwas, wenn sie 15 Jahre später ausfallen.

Zur Person

Dr. Med. Dent. Heinz-Peter Olberth (62) absolvierte seine Studium der Zahnheilkunde ander Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität. Seit 1993 ist er als Vertragszahnarzt in Praxisgemeinschaft mit Dr. Rolf Olbertz tätig. Zusätzlich ist er unter anderem qualifiziertes Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Ganzheitliche ZahnMedizin e.V. (GZM) und gefragter Fachreferent.


Keine Artikel in dieser Ansicht.