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Organspende auf neuem Tiefpunkt

Wege aus der (Vertrauens-)Krise


Bildcopyright: vchal / iStock-Fotografie-ID: 836452962

Mehr als achtzig Prozent sind nach einer aktuellen Erhebungen bereit, ihre Organe nach dem Tod zu spenden. 36 Prozent besitzen nach einer Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) einen Organspendeausweis, die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) geht zumindest von 14 Prozent aus. Trotzdem gibt es in Deutschland viel zu wenige Organspenden.

Nur 797 Spender wurden 2017 für Herz, Leber, Nieren & Co. registriert, so wenig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Gleichzeitig warten 10.000 Patienten auf ein lebensrettendes Organ. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will dies durch zwei Maßnahmen ändern. Dabei setzt er auf eine finanzielle Stärkung der Entnahmekrankenhäuser und hat dazu bereits einen konkreten Gesetzentwurf vorgelegt. Die deutlich brisantere Einführung einer Widerspruchslösung stellt er dagegen bewusst nur zur "gesellschaftlichen Debatte".

Höhere Vergütung der Krankenhäuser

Das Bundesgesundheitsministerium sieht in strukturellen und organisatorischen Schwachstellen in den Kliniken einen wesentlichen Grund für die geringen Spenderzahlen. Dies belegt auch eine im Sommer vom Ärzteblatt veröffentlichte Studie mit Daten aus den Jahren 2010 bis 2015 - also einschließlich des Jahres 2012, in dem der Göttinger Organspende-Skandal um manipulierte Wartelisten Deutschland erschütterte. Würden alle Kliniken so arbeiten, wie es im Rahmen eines Modellprojekts der DSO geschah, hätte es in Deutschland im Jahr 2015 statt 877 etwa 2.780 Organspenden gegeben.

Gerade für kleinere Häuser ist eine Organentnahme demnach durch ein komplexes System aus Pauschalen aktuell unwirtschaftlich, da die tatsächlichen Kosten nicht abgedeckt werden. Spahn will diese Schwächen beseitigen und Organentnahmen höher vergüten. Auch personell sollen die Kliniken gestärkt werden. Neben einer deutlichen Anhebung der Vergütung durch die gesetzlichen Krankenkassen sieht ein aktueller Gesetzentwurf vor, auch die Rolle des Transplantationsbeauftragten der einzelnen Kliniken durch eine Freistellung für diese Aufgabe zu stärken. Einen finanziellen Anreiz zur Organentnahme soll es aber auch in Zukunft nicht geben. Der Vorschlag trifft bislang auf breite Zustimmung: "Die vorgeschlagenen Maßnahmen verbessern die Strukturen in den Kliniken für die Organspende und sind gleichzeitig Ausdruck der Wertschätzung für die Organspende in Deutschland", erklärt der Medizinische Vorstand der DSO, Dr. med. Axel Rahmel. Auch die geplante Stärkung der Transplantationsbeauftragten erhält Zuspruch von prominenter Seite: "Wir begrüßen die bundeseinheitliche Freistellungsregelung. Sie kann Transplantationsbeauftragten dabei helfen, sich voll auf ihre Aufgabe zu konzentrieren", so Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer.

Doppelte Widerspruchslösung?

Zweites Standbein von Spahns Strategie zur Erhöhung der Zahl an Organspenden ist die Einführung einer Widerspruchslösung. In vielen europäischen Ländern wird bereits heute jeder zum Organspender, der sich zu Lebzeiten nicht ausdrücklich dagegen ausspricht. Spahn schlägt dieses Modell auch für Deutschland vor: "Wir haben seit vielen Jahren alles versucht, um die Zahl der Organspender zu erhöhen. Aber leider ohne Erfolg! Deshalb brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte über eine Widerspruchslösung. Eine Lösung also, bei der die Zustimmung zur Organspende automatisch als gegeben gilt, solange man nicht Nein sagt. Diese Diskussion sollten wir im Bundestag jetzt führen. Dort gehört das Thema hin. Ich bin für eine doppelte Widerspruchslösung. Das heißt, dass jeder zu Lebzeiten ausdrücklich Nein sagen kann - und ansonsten die Angehörigen zu fragen sind. Nur so kann die Organspende zum Normalfall werden."

Das Vorhaben ist durchaus umstritten, da die Zahl der Träger eines Spendenausweises kontinuierlich steigt und Experten in der Stärkung der Krankenhäuser die entscheidende Maßnahme sehen. "Es wäre möglich, dass eine Widerspruchslösung das wachsende Vertrauen zerstört und damit vor allem Schaden anrichtet", mutmaßte Nina Weber vom Spiegel vor Kurzem in einem Kommentar. Über die weitere Entwicklung halten wir Sie auf dem Laufenden.

Das gilt in anderen Ländern Europas

Wie die Organspende geregelt ist, unterscheidet sich von Land zu Land. Die gesetzlichen Regelungen der Länder legen fest, wann und unter welchen Umständen die Organe einer verstorbenen Person entnommen werden dürfen. Einen Überblick liefert die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter www.organspende-info.de/infothek/gesetze/europa-regelungen

 


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