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  • Vorwort

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Gesundheitsminister Jens Spahn schlug schon zu Beginn der Corona-Krise nachdenkliche Töne an...


Copyright: BKK W&F / Sebastian Berger Fotografie

„Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Mit diesen Worten bat er um Verständnis, da man noch nie „mit so vielen Unwägbarkeiten so tiefgehende Entscheidungen treffen müsse“. Neben der Politik werde auch für die Gesellschaft eine Phase kommen, in der man feststelle, dass man vielleicht an der einen oder anderen Stelle falsch gelegen habe.

Treffender kann man den Unterschied von Corona und anderen Krisen kaum auf den Punkt bringen. Von der Finanz- oder der Flüchtlingskrise war immer nur ein Teil der Gesellschaft direkt betroffen. Die anderen konnten sich zurücklehnen und den Verlauf als Beobachter verfolgen. Corona ist anders. Es geht um die Gesundheit und die Freiheit jedes Einzelnen.

Das Virus dringt tief in unsere Gesellschaft ein. Schon eine gewöhnliche Begrüßung birgt Probleme. In der westlichen Kultur hat man sich angewöhnt, die anfängliche Unsicherheit zwischen zwei Menschen mit einem Händeschütteln zu überbrücken. In der Pandemie entfällt dieser ritualisierte Rahmen. Stattdessen tut sich ein weites Feld auf. Die einen treten ihren Gesprächspartnern nur mit Maske und Abstand gegenüber. Andere bestehen auf irgendeiner Form von Berührung – und sei es bloß mit Handknöcheln oder Fußspitzen. Im Unterschied zum weltanschaulich weitgehend neutralen Händedruck lässt sich jede dieser Gesten sowohl als freundlicher als auch als unfreundlicher Akt bewerten. Selbst Abstand kann als Rücksicht wahrgenommen werden, aber auch als Hinweis auf Misstrauen. Corona zwingt daher dazu, immer wieder aktiv die Rahmenbedingungen unserer Interaktionen abzuklären. Selbst das Aneinander-Vorbeilaufen auf dem Bürgersteig kann Furcht vor Ansteckung und damit dauerhaften Stress zur Folge haben. Und auf Stress reagieren Menschen auch mit Aggression.

Konflikte entstehen daher bereits bei der Frage, wie das Risiko einzuordnen ist. Der eine vergleicht das Corona-Virus mit einer Grippe, während der andere Bilder aus Bergamo vor Augen hat. Das Virus führt so nicht nur zu lebensgefährlichen Erkrankungen und finanziellen Herausforderungen. Es werden auch Konflikte entstehen, die nicht bewältigt werden können und damit reichlich Gelegenheiten zum Verzeihen bieten. Das wird allerdings keine leichte Übung. Sie setzt eine bewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit voraus und auch eine möglichst gemeinsame Perspektive auf das Geschehene.

Häufig wird das nicht möglich sein. Die Auffassungen über das Virus werden sich auch im Rückblick unterscheiden. Jeder wägt die Kosten und den Nutzen der Maßnahmen anders. In dieser Einsicht liegt aber auch eine Chance: Der erste Schritt zur Konfliktbewältigung besteht in der Erkenntnis, dass die Wirkungen der Pandemie nicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen sind. Junge sind weniger gefährdet als Alte, Gesunde weniger als Kranke. Die einen können sich Vorsicht leisten, die anderen nicht. Es gibt Unterschiede, die sich nicht wegreden lassen. Es spricht deshalb vieles dafür, den eigenen Eifer im Zaum zu halten und die persönliche Risikoeinschätzung nicht zum allgemeinen Maßstab zu erklären. Das ist natürlich auch eine Frage der Haltung und Wertschätzung gegenüber anderen.

Solange Konflikte nicht eskalieren, können später Mechanismen noch greifen, die nicht so anspruchsvoll sind wie das Verzeihen oder das Vergeben: das Vergessen und das Verdrängen. Erfahrungen werden mit der Zeit verwischt und überschrieben. Auch darauf darf unsere Gesellschaft hoffen

Bleiben Sie gesund

Ihr Björn Hansen

Vorstand

P.S.: Fragen, Anregungen, Kritik? Ihre Meinung ist mir wichtig. Schreiben Sie an bjoern.hansen@remove-this.bkk-wf.de.

 


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